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Digitale Heftführung

 

Ich habe mich in den letzten drei Jahren privat intensiv mit dem Thema Wissensmanagement beschäftigt, was meinen Blick auf die Handschrift als primäre Schreibtechnik in einem besonderen Maße verändert hat.

Ich unterteile meine in erster Linie getippten Notizen in flüchtige, projektbezogene und permanente Notizen. Flüchtige Notizen, gern von Hand, dürfen verschwinden, da sie begrenzt Relevanz haben. Projektbezogene Notizen werden über einen festen Zeitraum in den entsprechenden Ordnern gespeichert und permanente in erster Linie Literaturnotizen speichere ich nach einer speziellen Systematik.

Beruflich beschäftige ich mich als Leiter eines Medienzentrums intensiv mit der digitalen Transformation in Schulen und hier im speziellen mit der Einführung von Tabletklassen und den dazugehörigen Fragen nach geeigneten Apps zur digitalen Heftführung.

In diesem Artikel werde ich versuchen Anregungen zu geben, wie sich die Heftführung in der Schule den veränderten Gegebenheiten (Zeitalter der Digitalität) anpassen könnte und ob wir noch von Heften sprechen sollten oder ob wir sie lieber als Mappen oder Ordner bezeichnen sollten.

Schreiben ist eine Kulturtechnik, die aktuell weder rein digital noch analog einzuordnen ist, sondern beide Funktionsweisen verknüpfen kann. Ich versuche einzuordnen, welche Arten von Schreibanlässen in digitalen Heften wie GoodNotes oder OneNote abbildbar sind und wo die Grenzen schulrelevanter Notizenapps und diverser Plattformen sind. Ich werde ebenfalls die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema Handschrift vs. Tastaturschreiben einfließen lassen.

Das Buch “Digitales Schreiben. Blogs & Co im Unterricht” (Philippe Wampfler) gibt einen Einblick in die Thematik des digitalen Schreibens. Hier wird eindrucksvoll dargestellt, wie sich das Schreiben durch die Vielfalt der digitalen Schreibanlässe verändert hat und wie wenig von aus meiner Erfahrung von diesen Erkenntnissen im System Schule umgesetzt wird. Gut gefällt mir in diesem Buch der Begriff der experimentellen Medienkompetenz, von der es bei Kindern und Jugendlichen mehr Erfahrungen zu geben scheint, als bei den Lehrkräften. Generell wird zu wenig auf die positiven digitalen Erfahrungen bei Kindern und Jugendlichen geschaut und dies ins Schulsystem übertragen.

Zurück zum digitalen Schreiben und meinen persönlichen Erfahrungen. Ich besitze diverse Tablets mit Stift (iPad , SurfaceBook) unter anderem ein reMarkable2 und ein Macbook. Es gibt Menschen, die gerne auf dem iPad oder dem Surface mit der Hand schreiben, ich gehöre nicht dazu. Wer jemals die Möglichkeit hatte dies auf einem remarkable2 Tablet zu tun wird mich verstehen. Dies soll jetzt keine Werbung für diese E-Ink Geräte sein, aber dem schreiben auf Papier kommt dieses Gerät ohne Wenn und Aber am nächsten und da nützt auch keine Superfolie mit Papierfeeling auf dem Tablet etwas. Wenn ich mir für SuS ein digitales Schreib -Setting wünschen dürfte, wäre es ein Tablet mit einer vernünftigen Tastatur und ein E-Ink Gerät mit Stift zum Anfertigen von handschriftlichen Aufzeichnungen, die mit dem Tablet synchronisiert werden.

Metadaten und Tags sind extrem wichtig für mich

Ich mache jeden Tag Notizen, was neben dem Beantworten von E-Mails und der Teilnahme an schriftlichen Kommunikationen in Messenger Diensten wie Signal, Slack, Twitter und Teams Schreibanlass Nummer eins ist. Das Schreiben von Notizen erfolgt bei mir in einer einfachen Notizen-App, im Klartext, die ich im Nachhinein im Markdown Format formatiere, wenn ich es für notwendig halte. Das zusätzliche Verschlagworten von Texten mit Metadaten wie Tags ermöglicht es mir, die Aufzeichnungen schneller zu finden und manchmal entstehen auch neue Ideen aus diesen Aufzeichnungen. Es gibt Notizprogramme im Bereich des Wissensmanagements wie Obsidian, Hypernotes und Logseq, die in der Lage sind, Metadaten und deren Verknüpfungen in einer Art neuronalem Netzwerk grafisch darzustellen und nicht nur das, es gibt sogar Module aus dem KI / AI Bereich, die es jedem ermöglichen seine eigenen Daten selbst auszuwerten. Ich selbst nutze Obsidian, um mir die Verknüpfungen meiner Notizen anzusehen. Diesen komplexen Notizprogrammen wird nachgesagt, dass man damit eine Art Kreativitätsystem bekommt, welches sich am Zettelkastensystem von Niklas Luhmann orientiert. Ich nutze diese Art Notizen zu machen jetzt schon eine ganze Weile und komme damit sehr gut zurecht, da ich generell dazu tendiere komplexere Dinge zu mögen. Ich bin mir nicht sicher, ob sich meine Art Notizen zu machen in der Schule eignet und empfehle sie wenn, dann eher in der Oberstufe. Schülerinnen und Schüler, die gerne programmieren, könnte es Spaß machen, ihre Notizen per Markdown Syntax zu formatieren und anschließend zu analysieren.

Programme

GoodNotes ist zusammen mit OneNote die am meisten eingesetzte App zum Erstellen digitaler Hefte oder Mappen in der Schule. Folgende Vorteile digitaler Notizprogramme werden in diversen Handreichungen in Bezug auf die genannten Programme aufgeführt.

  • Es werden keine zusätzlichen Hefte mehr benötigt,
  • einzelne Zettel oder Arbeitsblätter gehen weniger schnell verloren
  • durch einfachere Korrekturen und Verschieben von Texten können Mappen insgesamt ordentlicher geführt werden, – einzelne Hefter/Ordner können nicht vergessen werden,
  • farbliche Markierungen sind auch ohne umfangreiche Farbstiftsammlung möglich, – Bilder, Arbeitsblätter oder Arbeitsaufträge können einfach und zeitsparend in die Mappe importiert werden,
  • eine Mappenabgabe an die Lehrkraft kann erfolgen, ohne dass der Schüler auf die Mappe verzichten muss,
  • Arbeitsergebnisse aus der Mappe können einfach per Airdrop oder Beamer präsentiert werden.

Aus meiner Sicht sind dies rein logistische Aspekte, die aus der Sicht der Lehrkraft begrüßenswert sind, das Thema lernen und das Entwickeln von Ideen aber eher außer Acht lassen. Hier geht es vorrangig darum, einen effektiven und geräuschlosen Übergang von analogem zu digitalem Schreiben zu ermöglichen, der einige Vorteile besitzt. Bezogen auf das SAMR Konzept, das gerne in Vorträgen eingesetzt wird, um die Integration von Lerntechnologien aufzuzeigen, bewegen wir uns hier auf der ersten von vier möglichen Ebenen der Tiefenintegration von digitalen Lerntechnologien, der Substitution. Viele Tablet-Klassen, die in der aktuellen Schullandschaft existieren, sollten sich die Frage stellen, wie oft sie diesen Bereich verlassen.

Handschrift oder tippen

Getippt wird in GoodNotes z.B. sehr wenig, da dies nicht der Fokus dieser App ist. Der Schreibanlass, der in der App GoodNotes zu tragen kommt, sind Mitschriften der aktuellen Unterrichtstunde. Prinzipiell ist dagegen nichts Wesentliches einzuwenden, da beim Schreiben mit der Hand die Informationen in der Regel besser verarbeitet werden als beim Tippen. Neueste Studien zeigen aber, dass das Schreibtempo ebenfalls einen ganz wesentlichen Einfluss auf die kognitive Verarbeitung hat und hier hat die Tastatur am iPad gegenüber dem Stift oft das Nachsehen.

[1] Aus der Sicht einiger Experten ist es wichtig, dass die Lehrkraft situationsabhängig mitentscheiden sollte, ob die Handschrift eingesetzt wird oder ob man tippt. Tastaturschreibende haben die Möglichkeit, Texte zu überarbeiten und erzielen dadurch auf der Wortebene eine deutlich höhere Korrektheit. Es ist also nicht die Frage nach dem entweder oder, was die Diskussion Handschrift vs. Tippen angeht, sondern die Schreibtechnik dem entsprechenden Schreibanlass anzupassen. Schülerinnen und Schüler sollten beide Schreibtechniken schnell beherrschen.

Kollaboration

Seit kurzer Zeit besteht auch in GoodNotes die Möglichkeit Notizen kollaborativ zu teilen und mit #tags zu versehen, andere Programme wie z.B. Notes von Apple beherrschen dies schon länger. Die gezielte Freigabe eines Dokuments als alternativer Schreibanlass ist äußerst begrüßenswert, denn nun kann das arbeitsteilige Erstellen von Dokumenten eingeübt und die auch damit einhergehenden Probleme eventuell für sich arbeiten zu lassen, besprochen werden. Generell lernen die Schülerinnen und Schüler die Perspektiven und Meinungen anderer kennen, wenn es in diesem Aufgabentyp z.B. um eine politische Fragestellung geht.

Tipps zur Einführung der digitalen Heftführung

Einigen sich nach einer Testphase auf max. drei Schreibprogramme innerhalb einer Klasse und achten sie darauf, dass in einem dieser Programme kollaboratives Schreiben möglich ist und in einem anderen mit der Hand geschrieben werden kann. Behalten Sie diese(s) Programm(e) möglichst lange bei, denn es gibt nichts Aufwendigeres, als sein produktives Schreibsetting regelmäßig zu ändern. Ärgerlich kann dies werden, wenn Softwarehersteller mit Cloudanbindung das Thema DSGVO außer Acht lassen. Prüfen Sie vorher, ob Sie die ausgewählte Schreibsoftware bei kollaborativen Schreibanlässen nutzen dürfen. Es gibt hier mit Etherpad (Zumpad) in jedem Fall ein Tool, das sie einsetzen können.

  1. Stellen Sie sicher, dass die Schüler die Grundlagen des Schreibens gut verstehen, bevor Sie digitales Schreiben einführen.
  2. Erläutern Sie die Möglichkeiten und Wirkungen handschriftlicher Textmarkierungen am Beispiel von Sketchnotes
  3. Beginnen Sie mit einfachen Übungen und erhöhen Sie allmählich die Komplexität.
  4. Achten Sie auf die verschiedenen Arten, wie die Schüler digitale Schreibwerkzeuge verwenden, und passen Sie die Übungen entsprechend an.
  5. Ermutigen Sie die Schüler, mit verschiedenen Schreibstilen und -formaten zu experimentieren und geben sie, wenn möglich, täglich Feedback
  6. Vermitteln Sie die Grundlagen der Markdown – Textformatierung in einem einfachen Texteditor
  7. Ermutigen Sie die Lernenden ihren Text und ihre Aufzeichnungen mit #tags zu verschlagworten.
  8. Zeigen Sie den Lernenden, wie man gezielt zu seinen Aufzeichnungen zurückkommt und unter der Zuhilfenahme von #tags Texte miteinander vergleicht
  9. Besprechen Sie die verschiedenen Möglichkeiten, wie digitales Schreiben geteilt und veröffentlicht werden kann.
  10. Teilen Sie spannende und informative Beispiele für digitales Schreiben auf digitalen Schreibplattformen wie z.b. Medium, die die Schüler anstreben könnten.
  11. Diskutieren Sie mit ihren Schülerinnen und Schülern über ihre aktuellen Schreibanlässe außerhalb der Schule
  12. seien Sie bereit, Fragen zu beantworten und bei Bedarf Hilfe zu leisten; nicht alle Schüler werden sofort oder einfach zum digitalen Schreiben gehen.

Fazit

Die Handschrift funktioniert an allen Orten und dies trifft auf jeden Fall für den Ort Schule zu. Die vielzitierte Kultur der Digitalität wird daran nichts ändern. Die Schreibanlässe haben sich aber massiv verändert und dies sollte das System Schule nicht ignorieren. Texte öffentlich zu machen und kollaborativ zu bearbeiten veränderte die Art und die Motivation zu Schreiben enorm. Moderne Notizenprogramme beherrschen neben der Tatsache mit der Hand zu schreiben viele dieser neuen Möglichkeiten. Es lohnt sich über den Tellerrand zu schauen wie vielseitig das digitale Schreiben einsetzbar ist. Sehen sie es als Chance und nicht als Gefahr und Schule nicht als Schonraum, der hier bewusst ausgegrenzt werden muss.

[1]Dr. Necle Bulut, “Handschrift in der digitalisierten Welt,” Stiftung Mercator. https://www.stiftung-mercator.de/de/publikationen/handschrift-in-der-digitalisierten-welt/ (accessed Jun. 23, 2022).

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