Wie sollte die Heftführung im Zeitalter der Digitalisierung an Schulen in Zukunft aussehen?

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Zur Person Jochen Leeder und dessen Blick auf die aktuelle Situation hinsichtlich der Entwicklung eines digitalen Lernraums an Schulen

Aktuell bin ich Leiter am Regionalen Medienzentrum Gießen Vogelsberg. In dieser Funktion stehen aktuell folgende Themen im Focus meiner Aufmerksamkeit:
  • Homeschooling
  • Fortbildung der Lehrkräfte im Bereich Medienkompetenz
  • Beratung zur Erstellung von Medienbildungskonzepten an Schulen
  • Beratung zur Einführung von IPad – bzw. Tablet Klassen
  • Beratung zur Einführung von digitalen Lehrmaterialien in der Schule
  • Unterstützung bei der Durchführung von “Digital gestützten” Projekten an Schulen.
Mit dem allmählichen digitalen Wandel sind neue Aufgaben hinzugekommen. Der klassische Medienzentrumsleiter, der DVD´s über die Theke schiebt gehört lange der Vergangenheit an. Schulen entwickeln sich aktuell zu digitalen Lernräumen und diesem Wandel muss auch von meiner Seite Rechnung getragen werden. Ein medienkompetenzorientierter, offener und digitaler Lernraum wird, so hoffe ich, das Modell der Zukunft an Schulen sein. IT-Beauftrage an Schulen werden möglicherweise in Zukunft zu digitalen Lernraumberatern, welche im Zusammenspiel mit dem pädagogischen Personal und der Schulleitung, auf der Grundlage von Bildungsstandards zur digitalen Bildungslandschaft an der Schule beitragen. Die Aufgaben des digitalen Lernraumberaters sind vielfältig. Sie reichen von der Administration der digitalen schulischen Infrastruktur, über die Einbindung der digitale Medienbildungslandschaft im Unterricht bis hin zur Anbindung der bestehenden Lehr-/ und Lernmitteln selbst. Die Anbindung an die bestehende Schul-IT und -Netzwerke wird entscheidend für die Umsetzung des digitalen Lernraums sein. Das iPad als ein wichtiges Werkzeug im Unterricht hat zur Folge, dass es nicht mehr ausreichend ist, die Kompetenz der Schülerinnen und Schüler lediglich in den Bereichen Hardware & Software zu unterstützen. Smartphones & Tablet für die Schüler*innen werden ebenfalls in den Unterricht eingebunden. Ein digitaler Lernraum ist immer nur so gut wie seine Nutzer selbst. Der digitale Lernraum und das iPad als Werkzeug sind keine isolierte Angelegenheit, sondern müssen aktiv in die Medienbildungslandschaft der Schule eingebunden werden. Die Schulleitung spielt bei der Planung und Umsetzung des digitalen Lernraums an der Schule eine wichtige Rolle. Im ersten Schritt geht es darum, eine gemeinsame Haltung mit dem pädagogischen Personal und der Schulgemeinde zu einer Idee einer neuen Bildungslandschaft der eigenen Schule herzustellen. Dazu gehören im Rahmen von Öffnung der Schule auch externe Partner und die Lehr-/Lernmittelherstellern. Infolgedessen sind auch neue personelle Ressourcen für den Einsatz von sog. IPad – Klassen und der damit erforderlichen Schulung der Kolleginnen und Kollegen notwendig, um der digitalen Bildungslandschaft an der Schule gerecht zu werden. Alle diese grundlegenden Veränderungen erfordern auch ein Umdenken hinsichtlich der Erfassung von Unterrichtsinhalten im Sinne einer digitalen Heftführung. Die Flexibilität der digitalen Heftführung erlaubt es, die Inhalte wesentlich freier zu gestalten als es bei herkömmlichen Mappen und Heften möglich ist. Damit stellt sich auch die Frage, ob das Verhältnis von Aufzeichnung und Ordnung eine andere sein muss und ob die Handschrift erhalten bleiben sollte oder ob man in Zukunft nur noch tippt.

Handschrift oder tippen?

Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass Denkprozesse im besonderen Maße unterstützt werden, wenn dort die Handschrift zum Einsatz kommt (Marianella Diaz Meyer, Schreibmotorik Institut). Handschriftliche Notizen anzufertigen, kann also einen erheblichen Vorteil gegenüber getippten Notizen haben. Das Schreiben mit der Hand ist immer ein komplexer Vorgang für das Gehirn, da feinmotorische Fähigkeiten mit denen des Lernens gekoppelt werden. Auch im beruflichen Kontext kann die Handschrift agile Prozesse effektiver gestalten, so Diaz Meyer. ^bc7613 Apps wie Good Notes5 oder Notabilty eigenen sich besonders gut zur Anfertigung von handschriftlichen Notizen.

Arten von Notizen

Flüchtige Notizen

  • dienen nur der Gedächtnisstütze
  • werden nicht aufbewahrt
  • können in jeder beliebigen Art, Weise und Form erstellt werden

Dauerhafte Notizen

  • werden dauerhaft verständlich ausformuliert und durchdacht verfasst
  • werden niemals weggeworfen und
  • werden immer auf die gleiche, standardisierte Art am selben Ort, nämlich entweder als Lektüreextrakte in der Literaturverwaltung oder als Zettel im Zettelkastenaufbewahrt
  • werden in ein Spaced Repetition System wie Anki eingepflegt, mit dem man durch clevere Algorithmen in der Systematik der programmgestützten Abfrage, Vokabeln oder Formeln lange im Gedächtnis speichern kann

Projektbezogene Notizen

  • dienen zur Gedächtnisstütze für Projektfragen
  • werden nur so lange aufbewahrt, wie ein Projekt dauert und
  • werden, in welcher Form auch immer, im jeweiligen Projektordner aufbewahrt und archiviert

Das Ordnen von Notizen nach dem Zettelkastenprinzip und dessen Bedeutung für das Lernen

Aus Gesprächen mit Studierenden der Wirtschaftsinformatik, die sich seit einigen Jahren aktiv mit dem Thema Wissens-Management beschäftigen, berührte mich folgende Aussage am meisten:
Hätte ich früher, als ich noch zur Schule ging, das Zettelkastenprinzip für permanente Literaturnotizen (digitale Heftführung) genutzt, wäre mir nicht so viel an Basiswissen in allen möglichen Bereich der schulischen Bildung verloren gegangen. Ideal wäre ein lebenslanger digitaler Zettelkasten so wie es jetzt mit Tools wie z.B. Obsidian möglich ist.

Was ist ein Zettelkasten? (Wikipedia)

Ein Gliederungseditor oder auch elektronischer Zettelkasten (engl. Outliner) ist ein Computerprogramm, das das Prinzip der strukturierten räumlichen Gliederung von Informationen (etwa in Form von Baumstrukturen oder Zettelkästen) auf eine digitale Plattform übersetzt. Technisch gesprochen handelt es sich bei den meisten elektronischen Zettelkästen um eine Mischung aus Freiform-Datenbank und Texteditor wie z.B. orgmode oder auch emacs mit mehr oder weniger stark ausgeprägten Layoutfähigkeiten, die von gar keinen Layoutmöglichkeiten (reiner Text) bis zur Einbindung von Grafiken, Tabellen und Hyperlinks reichen können. Bei manchen Gliederungseditoren wie Obsidian mit markdown Unterstützung sind außerdem die Grenzen zur Dokumentenmanagement- und Notiz-Software insofern fließend, als sich verschiedene Medientypen in die Datenbank einbinden und verschlagworten lassen. Das in Beziehung bringen der Notizen und Gedanken durch sog. bidirektionale Backlinks ist das einzigartige des Zettelkastens

Wie man verzettelt

Indem man in eigenen Worten fremde Gedanken aus einer Lektüre einfach und verständlich herausschreibt. Nur die wesentlichen Dinge werden erfasst und mit eigenen Gedanken angereichert. Unwichtige Passagen werden weggelassen.

sich von seinen Aufzeichnungen überraschen lassen

Die Aufgabe eines Notizenprogramms ist nicht nur die Archivfunktion, sondern die Kommunikation damit als zweites Gehirn. Die Aufzeichnungen sollen mich selbst überraschen und die eigene Kreativität fördern.

Welche Programme eigenen sich nun für das Erfassen von Notizen in der Schule?

An erster Stelle sollte die Programme GoodnotesNotablity oder OneNote zur handschriftlichen Erfassung von Notizen während des Unterrichts stehen. Das digitale Erfassen von Notizen sollte allerdings erst ab Klasse 8 erfolgen, da die Aufmerksamkeit und der Fokus auf dem zu schreibenden liegen sollte. Hier könnte ein IPad mit den vielen Apps ablenkend wirken. An zweiter Stelle sollte ein Notizenprogamm bzw. LMS System stehen mit denen Projekte erfasst werden können. Es sollte an Abgabetermine erinnern, eine Datenbankstruktur ermöglichen und kollaboratives Zusammenarbeiten mit mehreren SuS ermöglichen. Hier ist an erster Stelle OneNote mit seinen **Kursnotizbüchern ** zu nennen. Aufgrund der Datenschutzproblematik, die bis dato ungeklärt ist, wäre Moodle in Kombination mit Mahara eine sichere Alternative. Allerdings schätze ich die Lösungen nicht als intuitiv ein, da sie nicht meiner Vorstellung von intrinsischem Workflow entsprechen. Mein Favorit ist die noch etwas unbekannte Softwarelösung Notion. Sie bringt alles mit, was man von einer modernen projektorientierten Notizensoftware erwarten sollte. An dritter Stelle steht Anki mit dem man Inhalte in digitaler Form von Karteikärtchen wunderbar in das Langzeitgedächtnis überführen kann. Diese Art des Lernens ist bewährt und sie findet in der Software Anki seinen angemessenen Partner. An letzter Stelle steht das wohl komplexeste System des digitalen Zettelkastens, das mit der Software Obsidian seine beste Umsetzung erfährt. Hier können Aufzeichnungen in magischer Art und Weise in Bezug gebracht werden. Ich werde von meinen eigenen Aufzeichnungen immer wieder überrascht und das kreative Moment, das danach erfolgt, sucht aktuell seines Gleichen. Ich würde es als zweites digitales Gehirn bezeichnen. Aus meiner Sicht ein Programm, das in der Oberstufe und der Universität verpflichtend sein sollte.

Warum es auch als Schüler wichtig ist, Texte und Projekte öffentlich zu machen

Wer intrinsisch motiviert den Drang hat, stets etwas Schriftliches zu veröffentlichen und diesen Drang als Forschung begreift, der wird sich nie die Frage stellen, was und wozu er lernen soll, sondern dabei lernen. Aus diesem Grund sollte das Ziel auch in der Schule sein, Projekte in schriftlicher Art zu veröffentlichen. Ein strukturiertes Aufzeichnen von Notizen in Projektphasen ist der Schlüssel dazu.
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